Ein Mischwesen als Spiegel unserer Zeit
Diese Kuh ist ein Mischwesen: halb Börsen-Ochse, halb indische Heilige Kuh. Mich interessiert genau diese Spannung. Sie steht für zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Wert: auf der einen Seite das spekulierende Geld, auf der anderen Seite etwas, das als heilig gilt und nicht verwertet werden darf.
Ich nutze dieses Bild als Weckruf. Es zeigt, was passiert, wenn Geld nur noch Geld erzeugt – ohne echtes Handwerk, ohne Arbeit, ohne reale Wertschöpfung dahinter. Würde ein Bäcker so handeln, gäbe es irgendwann keine Brötchen mehr. Für mich bleibt eine Wirtschaft nur dann gesund, wenn hinter dem Geld auch echte Leistung steht. Und Menschlichkeit.
Eine besondere Ebene dieses Werks ist die Integration der Kurzgeschichte Systemlicht. Der Text stammt von einer 16-jährigen Schülerin und wurde mit der Note 1+ bewertet. Die Geschichte beschreibt eine Zukunft, in der Gleichheit zur Unsichtbarkeit wird und Mitbestimmung nur noch formal existiert.
Mich hat dieser Text tief beeindruckt. Nicht wegen seiner Schärfe, sondern wegen seiner Klarheit. Es fasziniert mich, wie junge Menschen heute in so präzisen Worten denken, fühlen und gesellschaftliche Entwicklungen hinterfragen. Diese Gedanken sind wach, reflektiert und alles andere als oberflächlich.
Deshalb war für mich schnell klar, dass dieser Text nicht nur gelesen, sondern sichtbar werden sollte. Ich habe Systemlicht bewusst in das Bild integriert, als zweite Stimme, als Resonanzraum. Bild und Text treten miteinander in Dialog – Generationen, Erfahrungen, Perspektiven.
Dieses Werk will nichts erklären und niemanden belehren. Es lädt ein, innezuhalten und selbst zu denken. Vielleicht ist das in unserer Zeit schon Aussage genug.
„Die folgende Kurzgeschichte „Systemlicht“ stammt von einer 16-jährigen Schülerin. Sie ist im schulischen Kontext entstanden und wurde mit der Note 1+ bewertet. Der Text ist eine literarische Fiktion. Mich hat die Klarheit dieser jungen Stimme so beeindruckt, dass ich sie in mein Bild integriert habe.“
Systemlicht
Ich bin wach, bevor das Systemlicht angeht. Nicht, weil ich motiviert bin, sondern weil mein Körper weiß: Wenn du nicht funktionierst, wirst du korrigiert.
Das Licht springt auf automatisches Aktivierungsprogramm. Ein Text erscheint an der Wand. Heute ist deine Stimme wichtig.
Ich weiß, dass das nicht stimmt. Aber ich sage nichts. Man denkt besser so.
Seit dem globalen Ausgleichsbeschluss vor 78 Jahren ist alles gleich. Einkommen, Wohnung, Kleidung und die Meinung. Offiziell heißt es, die Gleichheit befreit den Menschen. In Wahrheit macht sie ihn unsichtbar.
Wir dürfen wählen. Natürlich. Einmal im Monat drei Listen. Alle basieren auf dem Gemeinschaftsprogramm. Niemand darf eigene Ideen einbringen, denn Individualpolitik wurde im Jahr 91 als spaltend erklärt.
Ich bin 17. Ich habe noch nie etwas anderes erlebt, aber ich spüre, dass etwas nicht stimmt. Früher dachte ich, ich sei einfach nur undankbar. Aber jetzt denke ich, vielleicht bin ich einfach noch nicht kaputt genug.
Wahlstation, Sektor 9B. Der Raum ist still. Niemand spricht. Wir sitzen in Kabinen aus Glas, damit man sieht, dass wir wählen. Das Touchpad zeigt mir drei Varianten des Fortschritts.
Liste A: mehr öffentliche Gleichstellung.
Liste B: nachhaltige Disziplinierung.
Liste C: Schutz durch Einheit.
Ich tippe auf überspringen. Eine Warnung erscheint: Nicht wählen gefährdet die Stabilität der Gesellschaft. Ich tippe wieder auf überspringen. Das Licht wird rot. Die Tür bleibt verschlossen.
Eine Stimme sagt: Ein Vertreter des Demokratischen Stabilitätsrats wird dich gleich empfangen.
Sie nennen es Stabilität. Ich nenne es Zwang mit freundlicher Verpackung.
Der Vertreter ist jung, glatt, wie aus der Schulung.
„Was ist los, Nummer 417-2? Keine Lust mitzubestimmen?“
Ich antworte: „Ich sehe keinen Unterschied zwischen den Listen.“
Er lächelt. „Dann hast du den Fortschritt noch nicht ganz verstanden.“
Ich lächle nicht.
Ich werde mitgenommen. Nicht gewaltsam. Nur in einen weißen Raum mit Bildschirmwänden. Man zeigt mir Reden. Teilhabe. Verantwortung. Wir alle sind die Regierung.
Dazwischen Bilder von lachenden Menschen, die ihre Stimme abgeben.
Ich sehe Werbung für Gerechtigkeit von Leuten, die nie gehört wurden.
Ich sehe Programme für Vielfalt, in denen alle dasselbe sagen.
Ich sehe Vorbilder, die nur da sind, weil sie laut zustimmen.
Nach drei Stunden darf ich gehen.
Ich habe nicht gewählt, aber in meinem Systemprofil steht: Zustimmung vermutet. Rückmeldung positiv.
Zu Hause finde ich eine Nachricht an meiner Wand:
Danke für deinen Beitrag zur kollektiven Harmonie.
Darunter mein Gesicht, mein Name und der Satz:
Ich habe gewählt, weil es wichtig ist.
Ich habe ihn nie geschrieben.
Ich setze mich an meinen Tisch. Ich nehme mir ein kleines Stück Papier und einen Stift. Ich schreibe:
Gleichheit ohne Freiheit ist Gefängnis.
Demokratie ohne Wahl ist Diktatur im Kostüm.
Ich lege das Papier unter meine Matratze. Vielleicht findet es jemand, vielleicht auch nicht. Aber ich habe es gedacht. Und das ist ein Anfang.
Informationen zum Werk
Das Werk ist durch farbige Kugelschreiber entstanden.
Das Originalbild ist bereits verkauft. Es sind jedoch noch Drucke in Originalgröße (A0) zum Preis von 150 € erhältlich.
Sie erreichen mich telefonisch unter 0152 28462411 oder per E-Mail an .